alte Selbstdarstellung

Wieso? Weshalb? Warum?

Eigentlich sollte ja davon ausgegangen werden können, dass Sexismus nach allen Bemühungen endlich mal vom Tisch wäre. Aber nein, auch nach 3 Wellen des Feminismus ist Sexismus noch immer ein Thema und gesellschaftliche Realität. Es ist nach wie vor so, dass gesellschaftliche Strukturen “männlich” dominiert sind. Noch immer erhalten “Frauen” weniger Gehalt für die selbe Arbeit, noch immer ist die Kindererziehung vollkommen selbstverständlich eine primär “weiblich” konnotierte Aufgabe, wird die Zweigeschlechtlichkeit sowohl unreflektiert als auch bewusst, sowohl gesellschaftlich als auch persönlich, reproduziert. Diese Tatsachen sind jedoch kein Geheimnis, sondern werden regelmäßig in der Öffentlichkeit diskutiert, die Fakten dazu statistisch erfasst. Jedoch erfolgt gesellschaftlich keine angemessene Reaktion hierauf, und selbst beim unterstellten guten Willen in Hinblick auf die Gleichberechtigung von “weiblich” und “männlich” definierten Menschen, ist kein gesellschaftlicher Wandel in Sicht. Ganz im Gegenteil erstarken wieder reaktionäre Männerbewegungen, nach deren Meinung „Frauen“ nichts besseres zu tun hätten, als bei der nächstbesten Gelegenheit „Männer“ zu unterdrücken. Teilweise gehen die Aussagen sogar soweit, von matriachalen Strukturen und einer bevorstehenden „Machtübernahme der Frauen“ zu sprechen. So wissen Zeitschriften wie der „Focus“ von Zuständen zu berichten, die sich „Im Zweifel gegen die Männer“ richten, und selbst die TAZ schafft es, am Weltfrauentag ein 12- seitiges „Männer- Special“ zu bringen. Die realpolitischen und in der Gesellschaft verankerten Strukturen reichen für sich genommen schon aus, um sich – auch oder gerade als „Mann“ – mal genauer mit dem Thema Gender auseinander zu setzen. Ein anderer Punkt, der uns zum Macker Massaker geführt hat, sind die Strukturen und Menschen in der Linken, welche oftmals weit weg von einer antisexistischen und emanzipatorischen Theorie und Praxis zu sein scheinen, obwohl diese dringend erforderlich sind.
Hier müssen wir jedoch auch etwas genauer hinschauen und auch ein Stück weit differenzieren. Antisexismus ist mittlerweile innerhalb der Linken ein vermeintlicher Konsens, welcher auf einer theoretischen Ebene zum großen Teil respektiert und umgesetzt wird. So werden Texte in der Regel gegendert, und viele politische Gruppen verstehen sich als offen für alle Gender. Jedoch existieren unserer Meinung nach weiterhin Genderbarrieren, die aufgrund fehlender Reflexion der eigenen ausgrenzenden, (und eben oft männlich dominierten) politischen Strukturen nicht wahrgenommen werden.
Die politische Praxis bleibt jedoch oft hinter diesem Anspruch zurück. In den Gruppen wird das Thema meist nicht thematisiert und aufgegriffen, so dass eine Reflexion des eigenen und des Gruppenverhaltens und der Umsetzung des eigenen Anspruchs, so dieser vorhanden ist, ausbleibt. Dies zeigt sich in vielen linken Gruppen. Als Beispiel sei hier auf diverse antifaschistische Gruppen bzw. Menschen innerhalb derselben verwiesen, die bei Demos oder politischen Aktionen eine Militanz an den Tag legen, die (zum Teil) durchaus einem politisch sinnvollen Zweck dient. Sie sollte aber immer wieder hinterfragt werden, da die Grenze zum “männlich” konnotierten “Mackerverhalten” dünn ist und oftmals überschritten wird. Noch kritischer wird es dann, wenn betont “mackeriges”, provozierendes und raumeinnehmendes Verhalten nicht nur sporadisch, sondern identitär und regelmässig aufs Neue praktiziert wird.
Auch kritisch sehen wir die Tendenz, dass eine Auseinandersetzung mit Feminismus und Sexismus aktiv unterlassen und sogar verweigert wird, da diese Themen als „Nebenwidersprüche“ marginalisisert werden. Profeministische Bestrebungen und Positionen werden unter Berufung auf den „Hauptwiderspruch“ Kapitalismus diffamiert und abgelehnt, da es ja kein richtiges Leben im Falschen gebe und sich alle Unterdrückungsverhältnisse mit der Revolution auflösen würden. Selbstverständlich muss eine Kritik am Kapitalismus – auch in Hinsicht auf Geschlecht und Sexismus – stattfinden, aber abgesehen davon, dass wir derzeit eine Umwälzung der Verhältnisse auf revolutionäre Art nicht sehen, haben wir auch keine Lust darauf zu warten, bis eine Revolution irgendwann tatsächlich anfängt.
Wir wünschen uns daher eine Auseinandersetzung “männlich” definierter Menschen mit sich selbst und ihrem eigenen Gender, eine tatsächliche Änderung innerhalb der politischen Theorie und Praxis und fordern, dass das Thema (Anti-)Sexismus in der alltäglichen politischen Arbeit einen festen Platz bekommt. Leider ist uns immer wieder aufgefallen, dass diese Auseinandersetzung und Diskussion meist nur von FrauenLesben, Trans* und Queers, nicht aber von „Männern“ geführt und gefordert wird.

Darum:

Diese Überlegungen führten uns zur Initiative für das Macker Massaker 2010. Wir denken, dass es allerhöchste Zeit ist, dass wir uns als “männlich” definierte Menschen mit unserem eigenen Gender, dem “männlich” sozialisierten Verhalten sowie mit der damit einhergehenden Machtposition innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzen. Wir wollen sexistische Zustände und Verhaltensweisen offen legen und über einen progressiven Umgang hiermit diskutieren. Als Gruppe vertreten wir hierbei eine queertheoretische Sichtweise und würden am liebsten die konstruierten Geschlechterrollen einreißen, denken aber, dass diese Dekonstruktion nicht einfach herbei gewünscht werden kann. Wir alle werden im Alltag immer wieder als „Männer“ oder „Frauen“ (fremd)definiert – auch wenn wir selbst dies vermeiden wollen – und so in das hegemoniale gesellschaftliche Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit hinein gepresst. Diese gesellschaftliche Realität eines binären Geschlechtersystems wollen wir nicht aussen vor lassen, beziehen uns deshalb, trotz queerem Anspruch, konkret auf „Männer“ und halten feministische Kritik für notwendig. Die Queer Theory als Grund zu nehmen die Themen Feminismus und Sexismus zu den Akten zu legen, zeugt nicht nur von Unkenntnis der Queer Theory, sondern hat auch viel zu lange funktioniert. Dies wollen wir nicht länger zulassen, denn auf praktischer, alltäglicher Ebene reproduzieren “Männer” immer wieder patriarchale Strukturen und Untrdrückungsmechanismen, auch wenn sie auf theoretischer Ebene stark kritisiert werden und liebendgern abgeschafft werden würden. Von all den Verhältnissen, Strukturen und Mechanismen wollen auch wir als Orgagruppe, die derzeit nur aus “männlich” definierten Menschen besteht, uns keinesfalls freisprechen. Wir alle leben in diesen Widersprüchen und müssen mit diesen irgendwie umgehen. Aber wir wollen das Thema aufgreifen und das „irgendwie“ ersetzen.
Aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie der Verhältnisse innerhalb der Linken, sehen wir die Reflexion des eigenen Genders, des eigenen Verhaltens und des eigenen Verständnisses als notwendig an. Dabei wollen wir nicht unterschlagen, dass auch “Männer” von der Entfremdung durch festgelegte Geschlechterrollen betroffen sind und in Konflikte mit den an sie gerichteten Erwartungen geraten können. Sie erhalten im Gegensatz zu “Frauen” allerdings eine Reihe von Privilegien, welche sie zu Hauptakteuren und -profiteuren einer patriarchal-sexistischen Gesellschaft machen.
Dass noch immer so viele Unterschiede zwischen den Gendern gemacht werden, dass es immer noch zu einer so übermäßigen Benachteiligung aller nicht-”männlichen” Menschen kommt, dass auch wir im Alltag diese Strukturen reproduzieren, macht uns traurig und wütend. Diese Wut und diese Empfindungen sollen sich im Namen “Macker Massaker” widerspiegeln. Ebenso wollen wir etwas ironisch das Martialische an “Männlichkeiten” herausstellen, ohne dass wir uns selbst davon in elitärer Weise freisprechen könnten.
Dabei ist der Begriff “Macker” für uns kein klar definierter Terminus, weshalb wir uns auf der Veranstaltung an diese Definition heranwagen wollen. Es soll erarbeitet werden, inwiefern “Mackertum” mit “Männlichkeit(en)” zusammenhängt oder ob “mackeriges” Verhalten unabhängig von Gender zu betrachten ist. “Männlichkeit(en)”, mit ihren Privilegien, Rollenzuschreibungen, Nach- und Vorteilen sollen (selbst-)kritisch reflektiert und antisexistische Praxis gefördert werden.

Was passiert denn da? Ich habe Angst, ein Massaker??? (Oder: Wer nicht fragt, bleibt dumm)

Über die Notwendigkeit, das eigene männliche Gender in all seinen Facetten zu reflektieren, um auch einen Ansatzpunkt zur Veränderung zu haben, wurden genug Worte verloren. Und wir wollen mit euch – und wir als “männlich” definierte Menschen wenden uns daher vor allem an andere “männlich” definierte Menschen – debattieren, diskutieren, uns informieren, verschiedene Sachen ausprobieren, und selber in Frage stellen, um letzten Endes die eigene Hilflosigkeit ein Stück weit überwinden zu können und wieder handlungsfähig zu werden. Dies soll auf allen Ebenen des politischen, gesellschaftlichen und privaten Lebens in einem emanzipatorischen, profeministischen und antisexistischen Kontext geschehen. Vorwissen ist dabei keine Voraussetzung. Ganz im Gegenteil ist die ganze Veranstaltung diskursiv ausgelegt. Wir wollen diesen Text, den wir als unvollständig und vorläufig begreifen, wie auch z.B. folgende Fragen zur Diskussion stellen: Was ist “Mackertum” eigentlich? Wieso sind feministische Positionen (auch) für “Männer” wichtig? (Wie) wäre eine emanzipatorische Zukunftsgestaltung unabhängig von Geschlechtern möglich? Wie soll ein antisexistischer Umgang mit sexualisierter Gewalt aussehen?
Das Macker Massaker soll einen Prozess in Gang bringen/fördern, in dem auch weiterführende Fragestellungen ihren Platz bekommen. Es sind alle Gender herzlich eingeladen teilzunehmen, sowie an der Organisation oder als Referent_innen mitzuarbeiten!



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