So wie es ist, kann es nicht bleiben…

Posted on 24th Mai 2012 in Allgemein

Solidarisierung der „Macker Massaker“-Gruppe Mülheim mit den Verfasser_innen des Textes „AZ Wuppertal – Es reicht! – Emanzipatorische Räume ermöglichen!“

Nach internen und externen Gesprächen haben wir uns entschieden, den Text der Initiative auf unsere Homepage zu setzten und deren Blog antisexismuswuppertal.blogsport.de zu verlinken.
Dies tun wir zum Einen, um uns mit den Verfasser_innen solidarisch zu erklären. Zum Anderen wollen wir eine tiefgreifende antisexistische (…) Auseinandersetzung aller sich als links-emanzipatorisch labelnden Räume unterstützen sowie deren Wichtigkeit hiermit deutlich machen.

Die darauf folgende Stellungnahme einiger Aktivist_innen des AZ Wuppertals haben wir gelesen und sind aufgrund dieser noch verstärkter der Meinung, dass eine selbstkritische Auseinandersetzung, ein deutliches (!) Zeichen nach innen und außen sowie eine antisexistische strukturelle Veränderung im AZ Wuppertal notwendig sind.

In Anbetracht der gesellschaftlichen strukturellen Gewaltverhältnisse ist es umso wichtiger Schutzräume (so weit es geht) zu ermöglichen und die Grenzen von Menschen ernst zu nehmen und parteilich(!) anzuerkennen (denn das ist der Kernpunkt von Definitionsmachtkonzepten, wonach im AZ Wuppertal laut Stellungnahme ja angeblich gehandelt wird). Dies sollte auch in alle Richtungen kommuniziert, vermittelt und durchgesetzt werden.
Die Kritik, dass das AZ Wuppertal kein (ausreichender) Schutzraum ist und viele im Text erläuterten Verhaltensweisen diesem Anspruch sogar entgegenlaufen, sollte weder als böse „Kampagne“, noch als „antideutsche autoritäre“, „feministische“ oder sonst irgendeine Verschwörung abgetan werden. Dies erscheint uns als übliche Vermeidungsstrategie, um eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Strukturen und Verhaltensweisen zu umgehen.

Die „Stellungnahme zur Kampagne gegen das Autonome Zentrum (AZ) Wuppertal“ liest sich für uns dementsprechend vor allem als ein riesiger Abwehrreflex, was nicht Ziel emanzipatorischer Auseinandersetzung sein kann. Bei der ganzen Sache wird deutlich, wie wenig Priorität eine antisexistische Auseinandersetzung und damit einhergehende wirkliche strukturelle Veränderung in der Linken oftmals hat.

Bei all den Bemühungen um offene Strukturen des AZ Wuppertals – welche anzuerkennen sind – sind die Prioritäten dennoch zu überdenken. Was nutzen uns die offenen Strukturen, wenn sich Menschen in diesen nicht sicher und ernst genommen fühlen können? Wir brauchen antisexistische Konzepte, sollten diese reflektieren und weiterentwickeln, um auch verdeckte Herrschaftsverhältnisse (im AZ) aufzuzeigen und ihnen etwas entgegen zu setzen. Der Sachzwang kann laut unserer politischen Auffassung nicht immer die Mittel heiligen… Und das heißt auch, dass Antisexismus nicht hinter anderen Themen einer radikalen Linken anstehen darf.

Die inhaltliche Fokussierung der Stellungnahme „einiger aus den AZ Strukturen“ sollte sich unserer Ansicht nach weniger auf eine Abwehrhaltung, Erklärungen, Imagepflege und besonders nicht auf Themenwechsel konzentrieren, sondern ernsthaft die genannte Kritik annehmen und sich damit auseinandersetzen, anstatt mit Seitenhieben à la „ihr leistet nicht viel, kritisiert aber immer…“ und weiteren erneut kritikrelativierenden Schwerpunktsetzungen zu kontern.

Auch wenn die Forderung „AZ dichtmachen“ sicherlich sehr hart und auch nicht wünschenswert ist, sollte dies nicht die einzige Zeile bleiben, welche aus dem Text wahrgenommen wird.

Wir hoffen auf strukturelle und individuelle Veränderungen, wir hoffen auf tief greifende Auseinandersetzung ohne Stigmatisierungen, wir wünschen uns eine ernsthafte intensive Diskussion über Verhaltensweisen, strukturelle Umgangsformen und die Anerkennung der Grenzen und Empfindungen aller Menschen, vor allem derer, welche sich im AZ – nicht erst seit kurzem – nicht mehr sicher oder ernst genommen fühlen…

Lasst uns offen für Kritik sein und an dieser wachsen!
Für eine antisexistische Praxis – überall!

Macker Massaker Gruppe Mülheim

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Ihr könnt den Text „AZ Wuppertal – Es reicht! – Emanzipatorische Räume ermöglichen!“ als PDF herunterladen oder einfach hier weiterlesen…

**** ACHTUNG: Es geht in diesem Text um sexualisierte Gewalt und ignoranten Umgang damit. Der Text richtet sich vor allem an Leute, die die betroffenen Perspektive nicht ernstnehmen. Wir bitten Betroffene bei der Entscheidung den Text zu lesen auf ihre eigenen Grenzen zu achten. ****

AZ Wuppertal: Es reicht!
Emanzipatorische Räume ermöglichen!

Beim Namen “AZ” denken die meisten vermutlich an einen linken und dabei wiederum an einen emanzipatorischen Raum. Bei vielen Räumen zweifeln wir daran – beim AZ Wuppertal halten wir dies eindeutig für eine Fehlannahme. Es geht uns dabei nicht um kaputte Klos und zu hohe Bierpreise. Es geht um nichts weniger, als um Vergewaltigung und darum, dass das AZ und seine Strukturen für sexualisierte Gewalt und Übergriffe verantwortlich sind. Und da “das AZ” bloß ein Gebäude ist und Strukturen nicht Gott gegeben sind, tragen die sog. Azzetis – also vor allem die Menschen, die Veranstaltungen machen und auf diesen helfen, die die Plenumsentscheidungen mittreffen, diejenigen, die kaum noch tatsächlich in den Räumen präsent sind, aber als Alt-Azzeties jede Menge “Stimmungsmacht” besitzen, aber auch alle, die als häufige Nutzer*innen da sind, diese Verantwortung. Warum die Genannten verantwortlich sind, werden wir im Folgenden erläutern. Wir wollen dabei mit den verantwortlichen Menschen nicht in einen konstruktiven Dialog treten, dafür ist es zu spät. Wir wollen die Leute, die etwas Empathie in sich tragen darüber informieren, was im AZ Wuppertal los ist und dass alle wissen, dass das AZ kein Raum für irgendetwas ist, dass sich emanzipatorisch nennt. Sicherlich gibt es Menschen, die dem Laden und den Strukturen ein gewisses Vertrauen entgegen bringen, wenn sie im AZ feiern gehen.
Auch dies ein Anliegen des Textes, diesen Leuten ein realistischeres Bild zu vermitteln und lieber durch einen Text zu desillusionieren, als durch die Thekencrew, wenn man bei dieser Unterstützung sucht.

Der Titel ist durchaus ernstgemeint, denn wir sind der Meinung: Es reicht!

Es reicht mit den Beschwichtigungen, wenn es um Übergriffe geht, es reicht mit der Parteinahme und Verteidigung von Tätern, es reicht mit der Relativierung und Verharmlosung von sexualisierter Gewalt, es reicht damit, das alles andere wichtiger ist als diskriminierendes und/oder angreifendes Verhalten im AZ. Und vor allem reicht es, dass sich immer diejenigen für ein „soziales“ Zentrum ein- und durchsetzen, die nicht von Übergriffen betroffen sind, die sich nicht mit Betroffenen solidarisieren und denen sowohl die Kompetenz als auch die Idee fehlt, mit der Offenheit und der subkulturellen Ausrichtung des Zentrums und den damit einhergehenden Problemen (deren Auswirkungen andere abbekommen) umzugehen. Vielleicht sind sich die Befürworter*innen eines „offenen, freien und sozialen autonomen Zentrums“ und die, die ihnen hinterherdackeln, nicht bewusst, welche Verantwortung damit einhergeht ein soziales Zentrum zu organisieren. Vielleicht sind ihnen die Probleme bewusst, aber sie ignorieren diese absichtlich und nehmen bewusst in Kauf, dass zu Gunsten ihrer erstrebten sozialen Revolution ihre Politik garantiert, dass es keine antipatriarchale Revolution werden wird. Dass das Konzept des sich offen selbstorganisierenden und sozialen Zentrums schon lange gescheitert ist, belegen auf traurige Art und Weise ein aktueller Vergewaltigungsfall, sowie unzählige Übergriffe in den letzten Monaten. Das AZ ist kein Rückzugsraum für von Diskriminierung und Übergriffen betroffene Menschen, sondern ein Schutzraum für die Täter¹ dieser Übergriffe. Denn sobald ein Vorwurf im Raum steht ist es nicht so, dass die betroffene Person ernst genommen und unterstützt wird. Im Gegenteil wird das Erzählte und die Wahrnehmung in Frage gestellt und für den Täter die Unschuldsvermutung in Stellung gebracht. Einige werden jetzt denken, was für ein Schwachsinn, ich helf doch immer den Opfern. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass im AZ Wuppertal eine Stimmung herrscht, die Betroffene einschüchtert, sie mit dem Erlebten allein lässt und Kumpanei und Sauffreundschaften über die Würde von Anderen stellt, so dass Täter sich immer darauf verlassen können Unterstützung zu erhalten. Mit Entsetzen haben wir feststellen müssen, dass dies von vielen nicht wahrgenommen wird. Ob der Wahrnehmung die Sozialromatik im Wege steht oder es Ausdruck einer generellen Ignoranz gegenüber Diskriminierungsstrukturen ist, wissen wir nicht. Auch bei fehlender Wahrnehmung: Diese Stimmung ist Realität. Auch Realität ist, dass wohl viele so vehement gegen eine Stärkung von Betroffenen agieren, weil sie sich selber immer in der potentiellen Täterrolle sehen. Zu viele nehmen halt gerne mal selber die Rechtfertigung „Ich war betrunken“ in Anspruch und beziehen somit immerhin konsequent auch bei anderen entsprechend Position. Wer sich mit diesem Satz angegriffen fühlt: Dein Gefühl trügt dich nicht. Dies ist ein Angriff. Wir sind es leid immer und immer wieder dieselben Diskussionen mit denselben Leuten, die jetzt völlig überrascht und geschockt vom aktuellen Vergewaltigungsfall sind, zu führen, um am Ende zwar ein Kopfnicken zu sehen, aber in konkreten Situationen immer das große Wort „ABER!“ vor den Latz geknallt zu bekommen.

Was ist das AZ Wuppertal?

Ein Raum zum kostengünstigen Saufen? Ja! Ein Raum zum Malen von Transpis? Ja! Ein Raum für Volksküchen und Kleinkunst? Ja! Aber auch ein Raum für Austausch, Erholung von den Zumutungen der Gesellschaft und Unterstützung? Ein Raum, indem man sich darauf verlassen kann, das sexistischem, frauenfeindlichem, rassistischem, antisemitischem, trans- und homophobem Verhalten nicht mit Ignoranz oder Kumpanei begegnet, sondern dem entschlossen entgegen getreten wird, wo sich alle um Aufklärung und Reflektion hinsichtlich Diskriminierungsstrukturen bemühen und indem Betroffene vorbehaltlos unterstützt werden? Definitiv: NEIN!

Daher ist die logische Konsequenz: AZ WUPPERTAL DICHTMACHEN!

Dies ist nicht der Moment zu sagen, wenn sich dies und das im AZ nicht ändert, dann hat es seine Existenzberechtigung verloren. Denn dieser Punkt ist schon längst überschritten. Und dabei geht es nicht darum, welche Vorstellungen und Wünsche man hinsichtlich der kulturellen oder politischen Inhalte eines Autonomen Zentrums hat. Es geht um eine minimalistische Sicherung antisexistischer Mindeststandards und persönlicher Sicherheit. Daher werden hier keine reformistischen Forderungen gestellt. Es geht nicht um vereinzelte Forderungen dieses oder jenes anders zu machen, sondern um ein Grundlegendes: So nicht! Es geht nicht darum zum hundertsten Mal an die Vernunft und Empathie zu appellieren und dafür zu kämpfen, dass doch bitte bei allen Partys über ein antisexistisches Konzept nachgedacht wird. Es geht darum, dass einfach keine Partys mehr stattfinden, auf deren Flyer als lächerliches Feigenblatt „no macker“ steht.
Indem ein Raum existiert, der ein angeblicher Freiraum ist, schafft er Hoffnungen und zerstört sie umso gründlicher. In der Schule, auf der Arbeit, im Supermarkt, im Bus, werden wir zu angeblich “anderen”/”nichtdeutschen”, in unserer Existenz unsichtbar gemacht, widerlich angebaggert, einer permanent, latenten Bedrohung durchs nicht-weißmännlichdeutschhetero sein ausgesetzt – im AZ auch. Und das ist tausendmal schlimmer als im Bus. Denn es verbleibt kein Ort mehr. Ihr nehmt den Raum weg. Den Raum den es geben könnte.
Und jetzt kommt ihr wieder damit, dass auch Männer unter der Gesellschaft leiden, dass auch Leute mit bunten Haaren oder wenig Geld ausgegrenzt werden, keinen anderen Raum zum feiern haben. Nur da hinkt eure Argumentation. Denn wir fordern nicht ein, das wir ungestört Leute, die arbeitslos sind, wenig Bildung haben, gerne Bier trinken etc. angreifen und beleidigen können. Wir fordern lediglich ein, dass Leute mit der Ausrede betrunken, ungebildet, schwere Kindheit etc. nicht andere angreifen und beleidigen dürfen. Wären alle einverstanden, dass sich im AZ niemand sexistisch, rassistisch, antisemitisch, trans- und homophob behandeln lassen muss, gäbe es kein Problem. Alle könnten billig Bier trinken. Aber es scheint ein Bedürfnis zu geben, billig Bier zu trinken und sich dabei scheiße verhalten zu dürfen.

Perspektivenwechsel

Vermutlich merkt ihr es nie; aber denkt mal einen Moment darüber nach, wessen Perspektive ihr bei Debatten übers Haus einnehmt? Warum müssen sich Leute dafür rechtfertigen nicht als Schwuchtel oder Schlampen beschimpft werden zu wollen? Warum fragt man sich immer selber “bin ich überempfindlich?” Und sobald man sich das nicht fragt, sondern sich traut zu äußern, dass man kein Bock darauf hat, dass Leute da sind die einem so was an den Kopf schmeißen, wird einem auch von außen mitgeteilt, dass man sich anstellt. Doch warum ist das überhaupt eine Frage? Immer geht es darum war der Täter betrunken? Ist er jung? Unerfahren? Noch neu? Hat es nicht so gemeint? War es ironisch? Das ist total egal, weil all dies zu diskutieren bedeutet, einer Person zu sagen: Wir akzeptieren, dass Du es aushalten musst als Schwuchtel bezeichnet zu werden.
Uns ist egal, wie sich das für dich anfühlt. Uns ist egal, ob für dich eine Party nach so einem Spruch gelaufen ist. Uns ist egal, ob du unter diesen Bedingungen lieber zu Hause bleibst, als ins AZ zu gehen. Denn wir möchten gerne, dass alle hier sein dürfen, solange sie keine schweren Gewalttaten gegen Besucher*innen verüben. Also akzeptiere das, komm klar, werde härter. Es gibt keinen Elfenbeinturm für dich!

Gerne wird drauf verwiesen, das Leute sich ändern können, ihnen eine Chance gegeben werden muss und dann auch hin und wieder begeistert erzählt, dass die ehemaligen Sauf-Oi-Punks dann irgendwann zu organisierten Antifas wurden und es doch so toll ist, dass man die am Anfang mit all ihrer Scheiße akzeptiert hat. Und wieder die Frage der Perspektive. Ihr seht den Einen, freut euch das euer offenes Konzept geklappt hat. Wen ihr nicht seht und auch nicht sehen wollt sind die, die Lust auf einen Freiraum gehabt hätten, die Spaß an emanzipatorischer Politik gehabt hätten und die nicht mehr kamen, weil es keinen Raum für sie gab, wenn sie nicht bereit waren zu akzeptieren, dass sich die Betroffenen rechtfertigen müssen, warum jemand nicht mehr willkommen ist, statt anders herum. Ihr seht nicht die Traumatisierungen durch Übergriffe von Menschen, die man doch als Genossen begriffen hat, durch Angriffe in einem Raum, der als der eigene erschien.
Jetzt sind bestimmt viele ganz entsetzt, weil es so klingt als ob wir Leuten keine Chance geben sich zu ändern. Doch das ist für den einen Moment jetzt mal egal. Denn wie schon gesagt, es geht immer um die Täter; um deren Chancen, Gefühle, Möglichkeiten. Und hier und jetzt geht es einmal nicht darum. Einmal nicht in der sich rechtfertigenden Position sein, überlegen was noch okay ist, was zu akzeptieren. Wir stellen einmal nicht die Frage, ob jemand wirklich rausfliegen sollte. Sondern fragen uns eher: Warum denn nicht? Was hat z.B. eine Person im AZ zu suchen, die von einer Vergewaltigung erfährt, sofort Position für den Täter ergreift, sogar für ihn bei der Polizei – also gegen die betroffene Person – aussagt und – immerhin konsequent – keinem im AZ von dem Vorfall berichtet? Hier ist nicht die Frage warum er nicht im AZ sein darf. Die Frage ist: Warum darf er? Hat sich eine*r von euch mal die Mühe gemacht sich zur Abwechslung in die betroffene Person hineinzuversetzen statt Sozialarbeiter*in für Täter zu spielen?

„Nur“ ein Abbild der Gesellschaft?

Einige werden jetzt denken, dass sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen überall vorkommen und dass dies zwar tragisch ist, aber eben nicht zu verhindern. Dass das AZ ein Stück weit ein Abbild der Gesellschaft ist, ist uns auch klar, aber eben nur ein Stück weit. Nach unserer Wahrnehmung gibt es zwei wichtige Unterschiede. Zum einen die Personen und ihre sozialen Strukturen, die sich im AZ aufhalten: Es gibt einen extrem hohen Drogenkonsum, der nun mal oft zum Gegenteil eines verantwortlichen Handelns führt und es finden sich jede Menge Leute ein, die mit bürgerlichen gesellschaftlichen Normen nichts anfangen können – was schön wäre, würden diese Normen durch eigene emanzipatorische Ansprüche ersetzt – aber ein wirkliches Problem darstellt, wenn dies nicht passiert. Sondern, ein ich-darf-alles-Anarchismus vorherrscht und dann im Konfliktfall halt mal jemanden eine Flasche über den Kopf gezogen wird. Der zweite Unterschied ist das Selbstbild der AZetties und der vermeintlich emanzipatorische Anspruch im AZ. Wenn das AZ ein Raum wäre wo es darum geht, Leuten einen Ort für billigen Konsum und für das Ausleben ihrer Kunst zu ermöglichen, wäre die aktuelle Situation zwar nach wie vor katastrophal, aber nicht überraschend. Da aber das AZ und seine Strukturen als irgendwie emanzipatorisch gelten, ist das Nichtvorhandensein von antisexistischen Freiräumen, Schutzkonzepten und fehlende Solidarität mit Betroffenen tausendmal schlimmer. Aus Betroffenenperspektive schlimmer, weil zum einen Verletzungen, wenn sie in einem scheinbar geschützten Raum passieren häufig emotional krassere Auswirkungen haben; zum anderen, weil die Sichtweise „eine Szene“ zu sein zu einem Vertrauen gegenüber „Genossen“ führt, welches Übergriffe ermöglicht.

Keine Reaktion ist auch eine Reaktion

Es gibt einen Naziangriff bei dem Menschen schwer verletzt werden: schnelles Plenum am nächsten Tag, Demo am Übernächsten. Der Täter ist ja immerhin Nazi – also böse. Eine Vergewaltigung gegen eine Besucherin des AZs. Nein, nicht von Nazis, sondern einem Menschen, der seit Monaten jede Woche im AZ ist. Also irgendwie kein Böser – allen schon vorher bekannten Übergriffen zum Trotz. Reaktion? Keine. Also gut, immerhin Hausverbot für die Person. Als alle Klos auf einer Party kaputt geschlagen wurden, gab es immerhin – auch als symbolisches Signal nach außen – einen Veranstaltungs-Stop. Menschen scheinen nicht so relevant zu sein wie Sanitäranlagen. Nazis sind menschenverachtend? Was seid ihr, wenn ihr eure Partys, Saufkneipen und die glorreiche 1.Mai-Demo über das Leben einer Person stellt?

Eure Verantwortung – und keine Entschuldigung

Eine Vergewaltigung hat stattgefunden, weil das AZ so ist wie es ist. Vermutlich nicht das erste Mal, aber dieses Mal ist es unbestreitbar. Seit langem war bekannt, dass der Täter sich – speziell gegenüber sehr jungen Menschen – übergriffig verhält; viele Menschen sich in seiner Nähe angeglotzt und bedrängt fühlten, konkrete Übergriffe stattgefunden haben. Konsequenzen hatte dies für ihn keine. Das ist nur die Spitze des berühmten Eisberges. Wer sich darauf einlassen kann und mit Menschen in einer vertrauensvollen Atmosphäre redet, die auf Partys im AZ waren, bekommt schnell von zahlreichen Übergriffen (wenn auch zum Glück nicht in der Dimension wie aktuell) erzählt. Die Menschen, die sich laufend als Anwälte der Täter aufspielen, bekommen dies vermutlich nicht so oft erzählt. Mit ein ganz kleinwenig Nachdenken könnten sie jedoch drauf kommen, dass dies nicht bedeutet, dass das alles nicht stimmt und „so gewisse Leute“ übertreiben, sondern es doch vielleicht an ihrer eigenen inhaltlichen Positionierung liegt.
Aber wenn diese Tatsache ein ums andere Mal aufs Plenum getragen wird, ergeht man sich lieber in Verschwörungsdenken, denn diese Feminist*innen und Spaßbremsen haben ja nichts anderes zu tun, als Leuten ihre Partys und Konzerte zu vermiesen.
Als Besucher*in eines linken Raumes, kann man sicherlich davon ausgehen, dass auf den Partys Idioten sein werden. Aber man kann doch zumindest erwarten (also eigentlich nicht, aber eben darum gehts), dass keine Leute dort akzeptiert sind, die sich permanent übergriffig verhalten. Und alle Veranstalter*innen und alle Azzetis tragen eine Verantwortung dafür, dass es so ist und eine Verantwortung für die Besucher*innen. Ihr fragt euch, warum ihr schuld daran sein sollt, dass Betroffene nicht vehementer ihren Raum einfordern, dass Übergriffe verschwiegen werden, dass jede Menge verbaler Diskriminierungen akzeptiert werden bis wer den Mund aufmacht. Ganz einfach: Menschen gehen anders mit Übergriffen um, verarbeiten sie anders, aber eine Gemeinsamkeit ist zumeist das Gefühl des Verletztseins und vor allem das Gefühl zum Objekt gemacht worden zu sein. Der eigene Wille wird vom Täter für irrelevant erklärt. Und genau dieses Gefühl wird durch Relativierungen und Rechtfertigungen des Angriffs erneut produziert.
Das Ganze wiederholt sich verbal. Will man als betroffene Person also erneute Verletzungen vermeiden, hält man die Klappe. Dies geschieht zT als bewusste Entscheidung, zT einfach als unterschwelliges Gefühl, welches das Handeln bestimmt. Dieses Verhalten entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus Erfahrungen – konkret aus Erfahrungen im AZ.
Die Reaktion auf Erzählungen von Übergriffen, übermittelt der betroffenen Person eine Botschaft – das ihre*seine Erfahrung ernstgenommen oder eben nicht ernstgenommen wird. Und eben nicht nur der konkret betroffenen Person, sondern allen Betroffen ähnlicher Situationen und potentiellen Betroffenen. Eine Person sitzt auf einem Plenum, auf dem eine Stunde debattiert wird, welchen Beweggrund ein Täter hatte, ob die Situation wirklich so schlimm war, dass der echt nicht mehr kommen darf und hinterfragt wird, ob es wirklich so gewesen sei, wie die betroffene Person es sagt. Und diese Person soll dann euren Beteuerungen glauben, dass sie*er an der Theke nach einem Übergriff vorbehaltlos unterstützt wird? Das glaubt ihr ernsthaft? Sowie das eure Äußerungen, euer sich-lustig-machen über Kritik an sexistischem Sprachgebrauch keinen Einfluss auf Betroffene hat? Eine betroffene Person hat auf einer Party die Wahl sich den Abend jetzt grundlegend zu verderben in dem sie erst Leute sucht, die man ansprechen könnte, dann diesen Leuten die Situation erklärt, dann – wenn man den Typen wirklich rausgeschmissen hat – noch Stunden darüber diskutieren muss, ob das okay war, im schlimmsten Fall noch zur Tür gebeten wird, um das mit dem vor der Tür rumstressenden Typen „persönlich zu klären“. Oder die Alternative: Man versucht, das Ganze nicht so ernst zu nehmen, schnell verdrängen, noch nen Joint und versuchen den Abend wenigsten noch ein bisschen zu genießen. Wer erlebt dass Leute, die nach langem Zögern und langen Diskussionen Hausverbot bekommen haben, ein ums andere mal doch wieder reingelassen werden, der wird doch wohl kaum darauf vertrauen ernst genommen zu werden, wenn er*sie Unterstützung braucht.

Bebilderung

Da das mit der Stimmung und dem Im-Stich-lassen von Betroffenen ja vielen als mystische Behauptung erscheint und komischerweise nie irgendwer was von Relativierungen mitbekommen haben will, hier noch mal Anekdötchen vom Orgaplenum:
Eine Person berichtet, dass er in der AZ-Kneipe einer Person, gegen ihren Willen den Arm um den Körper gelegt hat. Und dies auch trotz Äußerungen der Betroffenen nicht unterließ. Die Person hatte eh schon Hausverbot wegen dauerhaften sexistischen und homophoben Äußerungen – also war das quasi eine „Draufgabe“. Die nächsten zwei Stunden wurden damit verbracht, zu überlegen, ob das denn wirklich so war (zur Erinnerung: Der Täter selber hatte von dem Vorfall berichtet) und zu behaupten die Äußerung der Betroffenen in der Situation „Lass das, ich geh sonst zur Theke und die schmeißen dich raus“ sei eine „Provokation“ gegenüber dem Täter gewesen. Eine andere Sternstunde des Antisexismus im AZ war das Plenum auf dem von einem WZ-Artikel erzählt wurde, der von einem Prozess wegen einer Vergewaltigung nach einer AZ-Party berichtete. Die Reaktionen waren: Da müsse man ja erst mal konkret rausfinden, ob der Täter die Betroffene wirklich im AZ getroffen hat oder doch eher vorm AZ. Für eine weitere Person war das größte Problem, dass die WZ immer so negativ über das AZ berichtet. Eine andere Person fand, das AZ müsse eine Stellungnahme dazu abgeben – was doch sehr an Lichterketten gegen Rechts, um das Bild von Deutschland im Ausland zu retten, erinnerte. Letztlich wurde keine Stellungnahme geschrieben. Was hätte man da auch reinschreiben sollen? Etwa sowas: „Das Wuppertaler AZ findet Vergewaltigungen irgendwie blöd“?
Auf diesen und anderen Plena konnte man gut beobachten welche Verhaltensweisen es sind, die es Betroffenen und mit ihnen solidarischen Leuten extrem schwer machen antisexistisches Verhalten einzufordern. Das geht vom Augenrollen beim Ansprechen von Antisexismus und/oder Übergriffen, über die Frage, ob man die Situation richtig wahrgenommen hat, bis hin zur generellen Ablehnung von Konsequenzen für Täter oder dem Diskussionsschwerpunkt darauf, wie ein Hausverbot vermieden bzw. schnell wieder aufgehoben werden kann. Also der Frage: „Wie ermöglichen wir es dem Täter hier zu sein.“ und nie der Frage: „Wie ermöglichen wir es Betroffenen hier zu sein.“ Außerhalb von Plena wird eine solche Stimmung z.B. vermittelt, in dem sich „scherzhaft“ gegenseitig mit Hausverboten „gedroht“ wird oder auch im Kneipengespräch negativ über Hausverbote geredet wird und somit nur ein offizielles Mittragen des Hausverbotes vermittelt wird – den Betroffenen jedoch zugleich klargemacht wird, dass es alle blöd und übertrieben finden. Auch das ständige Ignorieren von sexistischem, homophobem und rassistischem Sprachgebrauch vermittelt ein Gefühl davon, dass es den meisten egal ist oder sie es okay finden und man mit Kritik relativ alleine dasteht. Noch eindeutiger direkt gegen Betroffenen gerichtet ist das ständige Ignorieren von Hausverboten im AZ und das stundenlange gemeinsame Biertrinken vorm AZ von AZetties mit Leuten, die gerade rausgeschmissen wurden. Auch hier eine (sehr aktuelle) Illustration: Ölbergfest. AZ-Bühne. Im Bereich vor der Bühne zahlreiche Menschen, die Hausverbot im AZ haben. Zur Erinnerung: Ein Hausverbot ist keine Strafmaßnahme, sondern soll einen Schutz für Betroffene herstellen und eine politisches Statement, dass sexistisches, rassistisches, homophobes und antisemitisches Verhalten keinen Raum haben soll. Uns ist bewusst, dass die Situation auf einem offenen Gelände weitaus schwieriger ist als bei einem Konzert im AZ. Aber zugleich sind wir uns nahezu sicher, dass die Orga-Crew der AZ-Bühne im Vorfeld nicht eine Sekunde darüber nachgedacht hat. Gleiches – bzw. schlimmeres – auf der Nachttanz-Demo zum Vorabend des 1.Mai. Die Person, die gerade zwei Wochen vorher wegen der Vergewaltigung, die Anlass für diesen Text war, aus dem AZ geflogen ist, sitzt gemütlich beim Auftakt rum. Jede Menge Leute sehen dies und tun: nix. Das später ganz viele erklären, dass sie es doof fanden, dass er da war und er ja auch nicht hätte mitlaufen dürfen, ändert nun mal nix daran, dass sein ungestörtes Dabeisein (und seien es nur 5 Minuten) ein Statement ist und ignoriert, dass es für Betroffene darum geht nicht mit einer bestimmten Person konfrontiert zu werden und nicht darum, dass es alle blöd finden, dass er da ist.

Verantwortung II

Wenn man ein Ort wie das Zentrum haben möchte und sich zugleich der gesellschaftlichen Strukturen, wie u.a. dem Patriarchat bewusst ist und den damit einhergehenden psychischen Strukturierung der Menschen, muss man jede Menge Energie darauf verwenden eine antisexistische Grundmessage zu vermitteln und einen reflektierten Umgang miteinander zu ermöglichen. Eine patriarchale Sozialisation und die gesellschaftliche Sichtweise auf Übergriffe machen es auch jenseits der oben beschriebenen Stimmung im AZ schwer, bei Übergriffen offensiv zu reagieren. Es reicht daher nicht sich in einem Satz auf einem Flyer gegen sexualisierte Gewalt auszusprechen. Will man ernsthaft einen sich von der Gesellschaft positiv absetzenden Raum, müsste man nicht nur eine – nicht vorhandene – neutrale Stimmung schaffen, sondern bewusst die existierenden Hürden für Betroffene angehen. Daher müsste es ernstzunehmende Konzepte geben um Übergriffe auf Partys zu verhindern und sich überlegt werden, wie im Ernstfall mit solchen umgegangen wird. Es würde voraussetzen dass Leute, die offensichtlich immer zuerst den Täter in Schutz nehmen, keine Theke machen, keine Tür machen, keine Cocktailstände etc. Dass diesen Aufwand keiner zu tragen vermag, verwundert uns nicht. Genau wie in der Leistungsgesellschaft zählt auch im AZ Leistung:
Möglichst viele Events hingekriegt zu haben ist das Ziel und nicht ein Event, welches dann minimalen Ansprüchen genügen würde. Aber nicht nur der Aufwand hält die Leute davon ab. Das Problem liegt unserer Wahrnehmung nach viel eher darin, dass es den Anspruch – der schwierig umzusetzen wäre – gar nicht gibt. Das AZ ist ein männerdominierter Raum und welcher Mann macht sich schon ernsthafte Gedanken um sexualisierte Gewalt? Warum auch? Mal ehrlich: Wie lange hat die zuständige Vorbereitungscrew vorm Naziaufmarsch nachgedacht, bevor sie nach intensiver, tiefgreifender Debatte entschlossen hat, keinen separaten Raum zum Schlafen für “Frauen” anzubieten? Wie viel Zeit ging bei Punk-im-Eimer-Orga-Plenen für Essensplanung drauf und wie viel Zeit für ein Konzept, welches allen Personen ein sicheres Festival ermöglicht?

The End

Wir sind uns darüber im Klaren, dass es für den größten Teil des AZ-Umfeldes psychologisch ein Leichtes sein wird, alle Denkanstöße des Textes zugunsten von Angriffen, Anschuldigungen und Diffamierungen gegen die Verfasser*innen zu verdrängen. Wenn bei nächster Gelegenheit gerufen wird „Kein Tag ohne autonomes Zentrum“, dann von einigen vermutlich mit einem trotzigen Lächeln im Gesicht in der Hoffnung, die Verfasser*innen dieses Textes sehen das. Ja, so sieht wahres Rebellentum aus. Kein Sorge, wir machen uns keine Illusionen. Trotzdem rufen wir euch auf, euren Hass einen Moment beiseite zu legen und euren eigenen Anspruch auf solidarisches und emanzipatorisches Miteinander mit der Realität abzugleichen. Da wir die Hoffnung hegen, wenigstens einige Leute zu erreichen und anderen das Gefühl vermitteln wollen, dass sie nicht allein sind, haben wir uns zur Veröffentlichung dieses Textes entschieden. Wir erwarten zwar keine Antwort, stellen aber dennoch die Frage in den Raum mit welcher Motivation und welchem Ziel sich Menschen im und fürs AZ engagieren? Für was soll der Raum „AZ“ da sein? Ist die Existenz des AZs ein Selbstzweck oder sind weitergehende Ziele und Wünsche damit verbunden? Entspricht die aktuelle Situation dem was man sich wünscht? Das soll keine rhetorische Frage sein. Es ist für uns durchaus vorstellbar, dass viele die letzte Frage bejahen. Dies offen und ehrlich zu tun, würde zumindest deutlich machen dass es nicht darum geht, gemeinsam für eine Idee vom Zentrum zu kämpfen. Sollte es nicht so sein bleibt Raum für die Frage, wie man dann zu einem anderen Zentrum kommt.

Für uns ist jedoch klar:
Solange das AZ ist wie es jetzt ist, ist es nicht verantwortbar, dass es das AZ überhaupt gibt. Ein Laden, in dem am laufenden Band Sexismus, Rassismus, Homophobie und Transphobie entweder relativiert oder als Nebenwiderspruch abgetan wird, ist die Farce eines Freiraums und kein Millimeter eines Weges hin zu einer freieren Gesellschaft.
Daher: AZ abschaffen! Und: Emanzipatorische Räume möglich machen!


Nachtrag: Wie festgestellt werden konnte, haben wir ja alle Hoffnung aufgegeben, trotzdem hier ein paar kurze Basics zum Umgang mit Übergriffen mit der mehr als dringenden Aufforderung diese ernstzunehmen:

  • Wer die betroffene Person eines Übergriffs ist, geht niemanden etwas an!!!
  • Wenn du es weißt, behalte den Namen und alle Detailinformation für dich.
  • Gleiches gilt für alle Details, solange die betroffene Person dir dies nicht erlaubt hat.
  • Du kannst nie sicher sein, dass keine Menschen anwesend sind, die in der Vergangenheit von Übergriffen betroffen waren. Denk daran, wenn du redest!

Weiterführende Links findet ihr unter: http://AntisexismusWuppertal.blogsport.de


¹ Wir schreiben Täter in rein männlicher Form, um nicht sprachlich zu verschleiern, dass Gewalt und vor allem sexualisierte Gewalt weit überwiegend von sogenannten Männern ausgeübt wird. Diskriminierende Denkweisen haben selbstverständlich, leider alle Menschen verinnerlicht.

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